Es ist 23 Uhr. Die Brust drückt, der linke Arm kribbelt, und man fragt sich: Ist das ernst oder übertreibe ich? Diese Sekunden der Unsicherheit können über Leben und Tod entscheiden. Gleichzeitig verstopfen unnötige Notaufnahmebesuche die Kapazitäten, die andere Menschen dringend brauchen. Das Wissen, welcher Kanal für welches Symptom gedacht ist, gehört deshalb zur Grundbildung in Sachen Gesundheit.
Drei Wege, drei Zuständigkeiten
Das deutsche System kennt im Wesentlichen drei Anlaufstellen für akute Beschwerden. Der Notruf 112 ist für lebensbedrohliche Notfälle zuständig und wird von den Rettungsleitstellen der Feuerwehr betrieben. Die 116117 ist der kassenärztliche Bereitschaftsdienst, der Lücken zwischen regulären Praxiszeiten schließt: abends, nachts, an Wochenenden und Feiertagen. Die Hausarztpraxis oder Facharztpraxis deckt alles ab, was tagsüber planbar ist und keine sofortige Gefahr darstellt.
Klingt eindeutig, ist es im Alltag aber nicht. Viele Menschen kennen die 116117 gar nicht oder verwechseln sie gedanklich mit einer Notaufnahme. Eine Umfrage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zeigte, dass ein erheblicher Anteil der Bevölkerung bei Beschwerden außerhalb der Sprechzeiten direkt in die Notaufnahme fährt, obwohl der Bereitschaftsdienst die richtige und schnellere Anlaufstelle gewesen wäre.
Wann ist 112 die einzig richtige Antwort?
Der Rettungsdienst sollte immer gerufen werden, wenn Minuten über bleibende Schäden oder den Tod entscheiden. Dazu zählen:
- Bewusstlosigkeit oder fehlende Reaktion auf Ansprache
- Atemstillstand oder schwere Atemnot
- Anhaltende Brustschmerzen, vor allem mit Ausstrahlung in Arm, Kiefer oder Rücken
- Schlaganfallzeichen: plötzliche Lähmung, hängender Mundwinkel, Sprachverlust
- Starke äußere Blutungen, die sich nicht stoppen lassen
- Schwere allergische Reaktionen mit Schwellung von Zunge oder Rachen
- Hohes Fieber mit Nackensteifigkeit, Lichtscheu und Verwirrtheit (mögliche Meningitis)
- Fieber mit Kreislaufversagen, Marmorierung der Haut, rasend schnellem Puls (mögliche Sepsis)
Der letzte Punkt verdient besondere Aufmerksamkeit, weil er unterschätzt wird. Sepsis entwickelt sich oft aus einem banalen Infekt heraus, innerhalb von Stunden. Wenn Fieber plötzlich von extremer Schwäche, Verwirrtheit oder einem eigenartig fahlen Hautbild begleitet wird, ist das kein Fall für die Bereitschaftsnummer, sondern für den Rettungsdienst.
Die 116117: unterschätzt und überlastet
Der kassenärztliche Bereitschaftsdienst ist für Beschwerden gedacht, die nicht sofort lebensbedrohlich sind, aber bis zum nächsten Werktag nicht warten können oder sollen. Typische Fälle: ein Kind mit 39,5 Grad Fieber am Sonntagabend, ein plötzlicher Harnwegsinfekt mit starken Schmerzen, eine Wunde, die genäht werden müsste, oder eine akute Migräneattacke ohne bekannte Ursache.
Die 116117 ist rund um die Uhr erreichbar. Nach einem kurzen telefonischen Assessment entscheiden geschulte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ob eine Beratung am Telefon ausreicht, ob der Patient in eine Bereitschaftspraxis kommen soll oder ob doch der Rettungsdienst alarmiert wird. Dieses Triagesystem funktioniert, wenn die Anrufenden ihre Symptome klar beschreiben.
Wann reicht die reguläre Praxis?
Die Hausarztpraxis ist für alles zuständig, was sich in den nächsten ein bis drei Tagen einordnen lässt: anhaltender Husten ohne Atemnot, ein Hautausschlag, der seit Tagen besteht, Rückenschmerzen, die sich langsam aufgebaut haben, oder Laborwerte, die besprochen werden müssen. Auch Anschlussbehandlungen nach einem Krankenhausaufenthalt, etwa nach einer überstandenen Sepsis, gehören hierher.
Für die Weiterleitung zu Fachärztinnen und Fachärzten braucht man in Deutschland in der Regel eine Überweisung oder zumindest eine Orientierung, welche Fachrichtung zuständig ist. Wer unsicher ist, welche Spezialisierung für ein bestimmtes Symptom in Frage kommt, kann sich über den Facharzt-Navigator von 4G Health einen ersten Überblick verschaffen, bevor er den nächsten Schritt plant.
Eine Tabelle für die schnelle Orientierung
| Symptom | Empfohlener Weg |
|---|---|
| Bewusstlosigkeit, Atemstillstand | 112 sofort |
| Verdacht auf Herzinfarkt oder Schlaganfall | 112 sofort |
| Fieber mit Verwirrtheit, Marmorierung | 112 sofort (Sepsiszeichen) |
| Hohes Fieber beim Kind nachts | 116117 |
| Akute Ohrenschmerzen am Wochenende | 116117 |
| Wunde, die genäht werden muss | 116117 oder Notaufnahme |
| Anhaltender Husten seit einer Woche | Hausarzt (Termin) |
| Überweisung zum Facharzt | Hausarzt, dann Facharztpraxis |
Was Sepsisbetroffene und Angehörige wissen sollten
Menschen, die eine Sepsis überstanden haben, reagieren oft mit erhöhter Wachsamkeit auf Infektionszeichen, was medizinisch sinnvoll ist. Das Immunsystem kann nach einer schweren Sepsis dauerhaft verändert sein, neue Infekte schlagen deshalb manchmal schneller an. Wer in der Vergangenheit an einer Sepsis erkrankt war, sollte die Schwelle zum Anruf bei 112 bewusst niedrig halten, wenn sich Fieber mit allgemeinem Verfall kombiniert.
Das Robert Koch-Institut schätzt, dass in Deutschland jährlich rund 320.000 Sepsisfälle auftreten. Ein erheblicher Teil davon nimmt seinen Anfang mit Symptomen, die von Betroffenen oder Angehörigen zunächst als harmloser Infekt eingestuft werden. Genau hier ist schnelles Einordnen lebensrettend.
Die wichtigste Faustregel bleibt: Im Zweifel lieber einmal zu viel anrufen. Die 112 und die 116117 sind keine Einbahnstraßen ins Krankenhaus, sondern Systeme, die aktiv triage-gesteuert arbeiten. Wer seinen Zustand klar beschreibt, bekommt eine Einschätzung, keine Kritik. Und wer zu lange wartet, kann Zeit verlieren, die sich hinterher nicht zurückgewinnen lässt.


